Flexible Anlagelösungen – für ein modernes Portfolio

Samstag, 30. Mai 2015Lesezeit: 8 Minuten

Wie können strukturierte Produkte im aktuellen Tiefzinsumfeld helfen? Welche Bedeutung kommt ihnen in der Anlageberatung zu? Und welche Strukturen werden zurzeit eigentlich im Portfoliokontext genutzt? mehrwert hat drei Experten zum Gespräch geladen – und nachgefragt

 

mehrwert: Das Tiefzinsumfeld stellt Anleger und Kundenberater vor große Herausforderungen. Was empfehlen Sie Ihren Kunden?

Müller: Auf die Beratung bei Entrepreneur Partners hat das aktuelle Umfeld keinen direkten Einfluss und an unserem Beratungsansatz haben wir auch nichts geändert. Auswirkungen hat das Umfeld aber selbstverständlich in Bezug auf die ausgewählten Anlagen. Wir haben über die letzten Monate und Jahre die Ausrichtung unserer Allokation in den festverzinslichen Bereich verändert und reduziert; die Aktienallokation ist gleichzeitig größer geworden. Eine Folge dieser Entwicklung: Wir legen heute ein noch größeres Augenmerk auf Gefahren, die in den Portfolios schlummern und damit auch das Risikomanagement betreffen. Dementsprechend beobachten und beurteilen wir die gewählten Anlagen heute viel kritischer.

Blümke: Im Auge behalten muss man eben immer, dass es letztlich nur zwei Gründe gibt, welche Privatpersonen zum Sparen veranlassen: Die Altersvorsorge und die Aussicht darauf, künftig mehr Geld zur Verfügung zu haben. Der zweite Grund fällt nun mit den teilweise eingeführten Negativzinsen weg. Ist also für die Vorsorge schon gesorgt, sollte der Anleger kaum in zwar risikolosen, jedoch auch manchmal wertvernichtenden Barbeständen bleiben.

 

mehrwert: Eine gute Anlageberatung bietet dabei gerade heute große Chancen.

Müller: Auf jeden Fall! Seriöse und gleichzeitig kreative Anlagelösungen sind gefragt. Als unabhängiger Vermögensverwalter haben wir das Privileg, das ganze Anlagespektrum uneingeschränkt nutzen zu können. Dieser »Best-in-Class«-Ansatz erlaubt es uns, die besten Anlagevehikel für unsere Kunden zu eruieren. Dabei sollte man sicherstellen, nicht einfach blind der allgemeinen Meinung des Marktes zu folgen, sondern die Risiken jederzeit unter Kontrolle zu haben. Primär erwarten unsere Kunden, dass wir uns seriös um ihr Geld kümmern. Sie wollen ganz einfach ruhig schlafen können. Eine gute Performance ist sicherlich sehr wichtig, das »gute Gefühl« des Kunden jedoch noch wichtiger.

mehrwert: Dies erfordert ein ausgeklügeltes Geschäftsmodell. Wie kann man sich von der Konkurrenz abheben?

Blümke: Bei Vontobel verfolgen wir einen ziemlich stringenten Anlageprozess, der unseren Privatkunden die bestmöglichen Anlagestrategien bietet – im diskretionären wie im beratungsorientierten Modell. Unsere offene Architektur wird mittels eines »Best-in-Class«-Ansatzes bei der Portfoliokonstruktion umgesetzt. Technisch sind wir weiter als unsere Mitbewerber – am Markt sind wir sogar führend. Regulatorisch gehen wir außerdem dezidiert vor. Weiter bieten wir ein zusätzliches Service-Angebot an: Kunden profitieren zum Beispiel von unserem weitreichenden Research bei Schweizer Aktien, im Derivatebereich von unserer Multi-Issuer-Plattform sowie von eigens entwickelten Volatilitätsmodellen.

 

mehrwert: Welchen Beitrag können strukturierte Produkte leisten?

von Wattenwyl: Aus Sicht des Branchenverbandes sehe ich konkret zwei Sachverhalte, die Chancen für eine weitere und gleichzeitig nachhaltige Gestaltung des Anlageprozesses eröffnen. Zum einen handelt es sich bei strukturierten Produkten um das einzige Anlageinstrument, das asymmetrische Auszahlungsdiagramme zielgenau umzusetzen vermag. Richtig eingesetzt können strukturierte Produkte so helfen, bestimmte Ausprägungen eines typischerweise individuell zusammengesetzten Portfolios feiner zu steuern und sie auf systematische Art und Weise zu verbessern. In der Folge könnte man das gesamthafte Ertragspotenzial noch besser ausschöpfen und einzelne Risikopositionen optimieren. Der zweite Punkt: Im Portfoliomanagement eignen sich strukturierte Produkte nicht nur für die strategische Ausrichtung, sondern auch für den taktischen Einsatz. Das taktische Element »lebt« letztlich von den Basisstärken, welche die Produktgattung bietet – das sind die Möglichkeit einer raschen Markteinführung sowie eine ausgeprägte Flexibilität. Denn mit keiner anderen Anlageform kann man so schnell und passgenau auf neue Markttrends reagieren.

 

mehrwert: Wie verhält es sich mit den Chancen im aktuellen Umfeld?

von Wattenwyl: Die Rahmenbedingungen für die Geldanlage per se sind derzeit alles andere als vielversprechend. Dennoch: Gerade im aktuellen Tief- beziehungsweise Negativzinsumfeld können strukturierte Produkte mehr denn je interessante Wege zu attraktiven Konditionen aufzeigen. Und so beweisen zurzeit viele Emittenten auch ihre viel gepriesene Innovationskraft. Eine ganze Reihe von neuen Produkten wird derzeit lanciert,um Investoren zum Beispiel eine bessere Absicherung zu bieten. Emittiert wurden vor allem Lösungen, die neue Renditequellen erschließen. Um nochmals mit anderen Worten aufzugreifen, was die Herren Müller und Blümke zuvor erwähnt haben: In einem schwierigen Zinsumfeld geht es unter anderem darum, sich die Stärke des Aktienmarktes zunutze zu machen und das Risiko der Anlage dabei so gut wie möglich zu begrenzen. Strukturierte Produkte können somit Zugang zu Anlageklassen bieten, die als reine Direktanlage für bestimmte Risikoprofile zu risikoreich sind.

 

mehrwert: Sind strukturierte Produkte derzeit auch Teil Ihrer Produktpalette?

Blümke: Ja, natürlich. Strukturierte Produkte sind ein integrierter Bestandteil eines Portfolios. Genauso wie GPS-Systeme bei Autos vor einigen Jahren noch als »Optionen« bezeichnet wurden und heute standardmäßig eingebaut werden. Oder würden Sie heute auf Ihren Airbag oder auf Ihr GPS verzichten?

Müller: Strukturierte Produkte sind seit jeher auch Teil unseres Anlageuniversums. Wir glauben an den Mehrwert, den die Produktgattung im Portfoliokontext schaffen kann, und nutzen entsprechende Strukturen gezielt als Ergänzung oder als Substitut für Direktanlagen. Dabei ist uns schon von jeher wichtig gewesen, dass die Strukturen für den Kunden einfach, nachvollziehbar und verständlich sind.

mehrwert: Welche Auszahlungsstrukturen empfehlen Sie zurzeit am häufigsten?

Blümke: Im aktuellen tiefen Zinsumfeld schlagen wir unseren Vontobel-Kunden zurzeit Alternativen vor, denn was die Anleger suchen, ist letztlich nur eines: Rendite. Mit gewöhnlichen Anleihen erwirtschaften sie diese einfach nicht (mehr). Interessant könnten daher Strukturen mit entweder tiefer Barriere (beispielsweise Protect Aktienanleihen auf Indizes) oder aber mit tiefem Ausübungspreis (zum Beispiel Protect Multi Aktienanleihen) sein. So kann die Portfolio-Strategie (Bond/Aktien-Ratio) stabil gehalten werden.

Müller: In unserer Vermögensverwaltung setzen wir derzeit am häufigsten die »normalen« Protect Multi Aktienanleihen auf drei Aktien oder Indizes ein. Wir haben mit diesen Barriere Reverse Convertibles vor einiger Zeit unsere Aktienquote schrittweise und auf »defensive« Art erhöht. Ich möchte anmerken, dass wir bei Barrier Reverse Convertibles ebenfalls den primären Fokus auf die Auswahl von guten und soliden Titeln und bei der Produktausstattung derzeit mehr Wert auf eine tiefe Barriere – und weniger auf einen hohen Kupon – legen.

Blümke: Bei Vontobel erleben wir gerade, dass in vielen Kundenportfolios Anleihen fällig werden, für die es einfach keine deckungsgleichen Reinvestitionsmöglichkeiten gibt. Um die Portfoliostruktur nicht zu verändern und das Aufwärtspotenzial dennoch beizubehalten, können bestimmte strukturierte Produkte kombiniert eingesetzt werden.

 

mehrwert: Können Sie uns ein Beispiel eines innovativen Produktes nennen?

von Wattenwyl: Herr Blümke hat schon die Struktur der Protect Multi Aktienanleihe erläutert. Sie ist auch als Reverse Convertible bekannt; eigentlich handelt es sich um ein »Standardprodukt«, das es schon lange gibt. Jedoch gilt die Protect Multi Aktienanleihen heute wieder als eine Art Innovation. Verantwortlich dafür ist die Ausprägung eines bestimmten Produktmerkmales, mit dem sie oft angeboten wird: Es handelt sich um das tiefe Niveau der Barriere. Der Abstand zur Barriere ist dabei in kürzester Zeit zum wichtigsten Produktmerkmal geworden. Starke Kursrückschläge während der Laufzeit, die nicht über die Barriere hinausgehen, haben daher keinen Einfluss auf die Rückzahlung zum Laufzeitende. Und selbst wenn diese Strategie nicht aufgeht: Der Anleger erhält die Aktie, weswegen unter Berücksichtigung der Kuponzahlung ein möglicher Verlust geringer ausfällt als bei einer Direktanlage.

 

mehrwert: Um die Auszahlungsszenarien zu verstehen, muss man sich mit ihnen auseinandersetzen. Wie kann der Verband dabei helfen?

von Wattenwyl: Der Verband kann für gute Rahmenbedingungen und ein entsprechendes Anlageklima sorgen. Konkret äußert sich dies in einem Schaffen von mehr Akzeptanz in der Bevölkerung. Die einfache, verständliche und zugleich umfassende Wissensvermittlung in Bezug auf strukturierte Produkte steht grundsätzlich im Mittelpunkt. So wollen wir mit unserem »Ausbildungskonzept« Interessenten zielgruppengerecht und auf ihrem individuellen Wissensstand »abholen«, um ihnen auf sie zugeschnittene Informationen anzubieten. Mehr Akzeptanz und Bekanntheit erlangt man aber auch durch einen stärkeren Austausch mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft. Durch gezieltes Lobbying möchten wir immer noch herrschende Vorurteile und Missverständnisse in Bezug auf die Produktgattung aufdecken.

 

mehrwert: Inwiefern stoßen strukturierte Produkte derzeit an ihre Grenzen?

Blümke: Es ist nur die Macht unserer eigenen Gewohnheit, die uns Grenzen setzt. Ein Anleger, der nur in Anleihen und Aktien investiert, findet in Bezug auf 50 % seines Portfolios kaum noch Anlagemöglichkeiten – es sei denn, er klettert die »Kreditwürdigkeitsleiter« tief hinunter und nimmt extrem lange Laufzeiten in Kauf. Strukturierte Produkte kennen jedoch keine Grenzen.

Müller: Das Tiefzinsumfeld, niedrige »Credit Spreads« und ein gesunkener Risikoappetit von Seiten der Emittenten haben dazu geführt, dass viele Produktkategorien aus unserer Sicht momentan tatsächlich nicht attraktiv sind. Entsprechend eingeschränkt sind unsere derzeitigen Handlungsoptionen. Für das eingegangene Risiko erwarten wir für unsere Kunden eine angemessene absolute und relative Entschädigung – das ist derzeit leider häufig nicht der Fall.

 

mehrwert: Welchen Tipp möchten Sie Anlegern mit auf den Weg geben?

Blümke: Bleiben Sie Ihrer Portfoliostrategie ganz einfach treu und vertrauen Sie Ihrem Berater oder Anlagespezialisten. Die Welt der Wertpapiere ist komplexer geworden und vieles, das früher selbst gemacht werden konnte, sollte man heute lieber dem Spezialisten überlassen. Einfach, weil Sie es sich wert sind.

Müller: Bei Entrepreneur Partners legen wir in den Beratungsgesprächen unter anderem Wert auf zwei Aspekte. Zum einen sollten Investoren, die auf der Suche nach Renditen und Cash-Flows sind, niemals die Risiken ihres Portfolios aus den Augen verlieren. Gerade im aktuellen Umfeld darf die Gier die Vernunft unter keinen Umständen dominieren. Zum anderen muss man sich dennoch mit der Frage nach Anlagemöglichkeiten im »alternativen« Bereich – zum Beispiel mit Investments in liquide Long/Short-Strategien – wieder intensiver beschäftigen.

von Wattenwyl: Entdecken Sie gerade im jetzigen Umfeld das Potenzial von strukturierten Produkten. Doch beachten Sie bitte dabei: Tätigen Sie grundsätzlich nie eine Anlage, die Sie nicht verstehen. Sicherlich müssen Sie keine finanzmathematischen Modelle anwenden können, um sich für eine Investition in strukturierte Produkte zu »qualifizieren«. Lassen Sie es mich anhand Herrn Blümkes Auto-Beispiel veranschaulichen: Airbags und GPS-Systeme werden heute serienmäßig eingebaut. Auf diese Ausstattungsmerkmale möchten Sie sicherlich nicht mehr verzichten. Warum? Sie haben deren Mehrwert erkannt und nutzen angebotene Funktionalitäten aktiv. Dabei ist Ihnen klar, wie sich die Attribute in den möglichen Szenarien des Straßenverkehrs verhalten. Genauso sollten Sie die verschiedenen Auszahlungsszenarien eines strukturierten Produktes »durchspielen«, bevor Sie es kaufen. Es gibt undenklich viele Strukturen für unterschiedlichste Investorengruppen. Das Produkt muss letztlich zu Ihnen und Ihrem Risikoprofil passen.

Daniel T. Müller

Mitglied der Geschäftsleitung Entrepreneur Partners AG

Daniel T. Müller ist Teilhaber und Gründungspartner der 2008 gegründeten Entrepreneur Partners AG, einem unabhängigen Vermögensverwalter mit Sitz in Zürich. Er ist seit über 15 Jahren im Bankgeschäft aktiv; die meiste Zeit davon widmete er sich der Anlageberatung und Vermögensverwaltung. Bei der Entrepreneur Partners AG verantwortet er das Asset Management und die Auswahl der Anlageprodukte.

Vor der Gründung der Entrepreneur Partners AG war Daniel T. Müller lange Zeit in verschiedenen Funktionen für Credit Suisse tätig. Er hat seinen akademischen Abschluss an der Universität St.Gallen gemacht (lic. oec. HSG) und zeitweise in den USA studiert.

Georg von Wattenwyl

Präsident des Schweizerischen Verbandes für Strukturierte Produkte (SVSP)

Georg von Wattenwyl ist seit Oktober 2014 Präsident des Verbandes für Strukturierte Produkte (SVSP), davor war er bereits Vorstandsmitglied des Branchenverbandes. Bei der Bank Vontobel leitet er zudem die Abteilung Global Financial Products, Advisory & Distribution. In dieser Funktion ist er seit 2007 verantwortlich für den globalen Vertrieb von Finanzprodukten der Investmentbank.

Georg von Wattenwyl hat vor seiner Zeit bei Vontobel als Fixed-Income-Spezialist mehrere Stationen bei Credit Suisse durchlaufen. Er ist diplomierter Bankfachexperte und Absolvent des Executive Programmes der Swiss Banking School sowie des International Executive Program der INSEAD in Paris Fontainebleau und Singapur.

Andreas Blümke

Investment Expert & Head Structured Products im Vontobel Private Banking

Andreas Blümke ist Investment Expert des Private-Banking-Office von Vontobel sowie Head Structured Products der Private-Banking-Sparte der Bank. Diese Positionen hat er seit dem Jahr 2013 inne. Zuvor war er fünf Jahre lang Head Advisory and Structured Products bei VP Bank und 13 Jahre lang Head Structured Products Private Banking bei Julius Bär und bei Cantrade.

Als ausgewiesener Anlageexperte im Bereich der strukturierten Produkte hat Andreas Blümke 2009 das Buch »How to invest in structured products« (Wiley & Sons) herausgegeben. Die Publikation umfasst 392 Seiten und stellt die Produktgattung in einen Portfoliokontext. Andreas Blümke hat ein Studium an der HEC University of Lausanne und den Financial Analyst & Wealth Manager (AZEK) absolviert.

30.11.2021 11:09:11

 
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