Faktor-Zertifikate: Rauf oder runter? – Nebensache!

Faktor-Zertifikate: Rauf oder runter? – Nebensache!

Donnerstag, 8. Oktober 2015, 2 KommentareLesezeit: 7 Minuten

Gastbeitrag von Benjamin Feingold

Mit Hebelpapieren lassen sich die unterschiedlichsten Börsenstrategien umsetzen. Nicht immer muss dabei die Kurserwartung vorher klar sein. Wer zum Beispiel einen Straddle mit Faktor-Zertifikaten einsetzt, profitiert von starken Trendbewegungen in die eine oder andere Richtung – eine von institutionellen Anlegern und Profitradern gern genutzte Strategie in unsicheren Zeiten. Um auf Sicht einiger Tage oder Wochen respektable Gewinne mit einer kräftigen Trendbewegung des Marktes einzufahren, muss man die Bewegungsrichtung nicht zwingend prognostizieren. Der gute Riecher für eine anstehende Dynamik reicht völlig aus. Ob die Notierungen des ausgesuchten Index oder Einzelwerts dann kräftig klettern oder ordentlich einbrechen, spielt keine Rolle. Ermöglicht werden solche Erträge ohne vorherige Festlegung auf eine Richtung durch eine simple Strategie: den gleichzeitigen Erwerb von Faktor-Zertifikate in der Long- und Short-Variante (Faktor-Zertifikate-Straddle).

 

Gewinne in beiden Richtungen

Die Hebelwirkung von Faktor-Zertifikaten auf die Performance des Basiswerts wird täglich neu adjustiert, um sie konstant zu halten. Dabei ergibt sich ein Basiseffekt. Nehmen wir an, der DAX steigt an drei Tagen in Folge um jeweils 1,00 Prozent. Ein zehnfach gehebeltes Faktor-Long-Zertifikat steigt dann an jedem dieser drei Tage um rund 10 Prozent, und zwar immer ausgehend vom zuletzt erreichten Niveau.

Mit einem angenommenen Startpreis von 100 Euro geht es also am ersten Tag auf 110 Euro bergauf. Am zweiten Tag liegt der Gewinn schon bei 11 Euro und der Kurs klettert auf 121 Euro. Und am dritten Tag werden mit einem Plus von 12,10 Euro bereits 133,10 Euro erreicht. Insgesamt liegt der Kursgewinn somit bei 33,10 Euro.

Wie sieht es aber zeitgleich beim zehnfach gehebelten Faktor-Short-Zertifikat mit einem Startpreis von ebenfalls 100 Euro aus? Das verliert dreimal 10 Prozent, jeweils jedoch ausgehend von einem sinkenden Niveau. Am ersten Tag fällt der Kurs um 10 Euro auf 90 Euro, am zweiten Tag um 9 Euro auf 81 Euro und am dritten Tag nur noch um 8,10 Euro auf 72,90 Euro. Insgesamt beläuft sich der Verlust beim Short-Produkt demnach auf 27,10 Euro. Nach drei Tagen hat das Long-Papier folglich 5,20 Euro mehr gewonnen also das Short-Papier verloren hat (33,10 Euro – 27,90 Euro). Wer anfänglich jeweils eines der beiden Zertifikate für insgesamt 200 Euro erworben hat, liegt im idealisierten Beispiel nach drei Tagen 2,60 Prozent im Plus. Ansprechend für eine Position ohne jede Richtungsfestlegung bei einer DAX-Bewegung um 3,03 Prozent (drei Anstiege um je 1,00 Prozent). Wohlgemerkt: Hätte der DAX in gleichem Maße verloren, wäre der identische Gewinn entstanden.

 

Die Strategie im Realitäts-Check

Kann das idealisierte Beispiel mit der Realität mithalten? Absolut. Wir von Feingold Research haben uns verschiedene Zeiträume angesehen, um diese Strategien einem Realitätscheck zu unterziehen. Im Rahmen der allgemeinen Marktschwäche seit Mitte April des laufenden Jahres erlebte der DAX vom 16.09.2015 bis zum 24.09.2015 wieder einmal eine kurzfristige Verkaufswelle und fiel kräftig um 7,81 Prozent von 10.227 auf 9.428 Punkte. Mit einer simplen Long-Short-Kombination aus Faktor-Zertifikaten wäre im gleichen Zeitraum ein kräftiger Gewinn von 16,67 Prozent ohne anfängliche Richtungsvorhersage drin gewesen.

Dazu hätte man am 16.09.2015 beispielsweise jeweils rund 2.500 Euro in zehnfach gehebelte Faktor-Long- und Faktor-Short-Zertifikate investieren müssen. Konkret wären das 154 Stück von der WKN VZ9L10 für je 16,24 Euro und 183 Stück von der WKN VZ9D10 für je 13,61 Euro gewesen. Die Gesamtinvestition betrug damit genau 4.991,59 Euro. Nur sechs Handelstage später am 24.09.2015 waren die 154 Long-Papiere für je 6,22 Euro und die 183 Short-Papiere für je 26,59 Euro veräußerbar. Das ergibt einen gesamten Verkaufserlös von 5.823,85 Euro und mithin einen Gewinn von 16,67 Prozent.

 

Verkaufen, halten oder neu gewichten?

Faktor-Zertifikate-Straddles bieten zwar den großen Vorteil, dass beim Positionsstart keine Festlegung auf eine Marktrichtung nötig ist. In ihrer Entwicklung müssen derartige Positionen jedoch aktiv beobachtet werden. Mitunter sind auch schnelle Entscheidungen gefragt. Speziell beim Einsatz stark gehebelter Papiere stehen den Chancen auf schnelle Gewinne auch erhebliche Risiken gegenüber. Diese Risiken entstehen in volatilen Seitwärtsphasen, die Long- und Short-Produkte gleichermaßen belasten. Selbst eine kurze und kräftige Reaktion des Basiswerts entgegen der eingeschlagenen Trendrichtung kann aber schon zu Problemen führen. Dies verdeutlicht der oben konstruierte Faktor-10-Straddle eindrücklich.

Am 24.09.2015 lag die Kombination wie beschrieben 16,67 Prozent im Plus. Doch am darauffolgenden Handelstag erholte sich der DAX um 2,77 Prozent. Das führte zu einem rund zehnmal so starken Rückschlag beim Faktor-Short-Zertifikat und zu einer analogen Erholung beim Faktor-Long-Zertifikat. Die Gewichte im Straddle hatten sich aber schon derart weit zur Short-Seite verschoben (83,55% Short vs. 16,45% Long), dass der hier erlittene Rückschlag nur zum Teil vom Gewinn auf der Long-Seite kompensiert werden konnte. Im Ergebnis gab die Gesamtposition nicht nur alle Gewinne wieder ab, sondern rutschte am 25.09.2015 sogar um 5,28 Prozent ins Minus.

Hier zeigt sich, dass es keine Option ist, mit einem hoch gehebelten Faktor-Straddle Reaktionen gegen den Trend auszusitzen. Erfreulich dabei ist allerdings, dass zur Erkennung des dringenden Handlungsbedarfs am 24.09.2015 keine hellseherischen Fähigkeiten nötig waren. Das viel zu hohe Gewicht der Faktor-Short-Zertifikate von 83,55 Prozent in der Kombinationsposition musste aufhorchen lassen. Wer in dieser Situation untätig blieb, war ab dem 24.09.2015 mit einer nahezu reinrassigen Short-Position dem Risiko einer DAX-Erholung übermäßig stark ausgesetzt.

Was sind also die Alternativen zur gefährlichen Untätigkeit bei  hoch gehebelten Faktor-Straddles? Zum einen sollte immer ein Verkauf in Betracht gezogen werden, wenn bereits attraktive Gewinne aufgelaufen sind und sich die Positionsgewichte stark in eine Richtung verschoben haben. Schon am 22.09.2015, also noch vor dem temporären DAX-Tief, wäre ein Verkauf mit 8,21 Prozent Positionsgewinn möglich und allemal besser als das Aussitzen bis zum Schlusskurs vom 25.09.2015 gewesen.

Die zweite Handlungsalternative ist die Neugewichtung. Wer nicht aussteigen möchte, weil er eine Fortsetzung des Trends oder andernfalls eine mehrtätige Gegenbewegung erwartet, bringt den Straddle wieder ins ursprüngliche Gleichgewicht. Im vorliegenden Beispiel mussten am 24.09.2015 von den vorhandenen 183 Faktor-Short-Zertifikaten 74 Stück veräußert und vom Erlös 314 Faktor-Long-Zertifikate zu den bestehenden 154 Stück hinzugekauft werden. Dann hätten beide Teilpositionen wieder ein 50-prozentiges Gewicht besessen und der Straddle wäre so für den nächsten Bewegungsimpuls vorbereitet gewesen. Vom 16,67-prozentigen Gewinn der Long-Short-Kombination am 24.09.2015 wäre daraufhin bei der Gegenbewegung am 25.09.2015 nur ein guter Prozentpunkt verloren gegangen.

 

Geringerer Hebel = weniger Chancen und Risiken

Der obige Realitätscheck mit einem 10er Hebel hat einerseits reizvolle Gewinnchancen offenbart. Andererseits zeigte sich aber auch, dass hoch gehebelte Faktor-Straddles riskant sind, fortlaufend unter Beobachtung stehen sollten und gegebenenfalls häufig angepasst werden müssen. Weniger "wartungsintensiv" sind hingegen Kombinationen mit geringerer Hebelwirkung.

Die erzielbaren Positionsgewinne sind hier grundsätzlich geringer. Für attraktive Ergebnisse sind folglich kräftigere Trendbewegungen des Basiswerts nötig. Dafür sinken aber die Risiken mit dem verwendeten Hebel. Es ist demnach weniger dramatisch, wenn die Impulsbewegung des Basiswerts nicht sofort einsetzt, sondern etwas auf sich warten lässt. Und auch die zwischenzeitlich erreichten Gewinne schmelzen langsamer dahin, wenn man versehentlich den besten Ausstiegs- oder Neugewichtungstag verpasst hat.  Ein interessantes Beispiel für die Kombination von Faktor-Long- und Faktor-Short-Zertifikaten mit Hebel 5 liefert die Volkswagen-Aktie, und zwar bevor es zum Kurskollaps ab dem 21.09.2015 kam. Als der Titel im Sommer nach seinem ersten Korrekturdurchgang im Bereich von 210 Euro festhing, konnte man durchaus den baldigen Start des nächsten Aufwärts- oder Abwärtsimpulses erwarten.

Unterstellen wir also den Erwerb der fünffach gehebelten Faktor-Long- und Faktor-Short-Zertifikate auf Volkswagen mit den WKNs VZ4AVC sowie VZ4AVD am 01.07.2015. Um jeweils rund 2.500 Euro zu investieren, konnten 269 Stück des Long-Papiers zu je 9,27 Euro und 1.572 Short-Produkte zu je 1,59 Euro erworben werden. Daraus hätte sich ein Gesamteinsatz von 4.993,11 Euro ergeben.

Der 09.09.2015 als willkürlich angenommener Ausstiegspunkt ist nun keineswegs optimal, denn nach dem vorläufigen Tief der Volkswagen-Aktie am 24.08.2015 hatte es schon einige Tage mit der befürchteten Gegenbewegung gegeben. Dennoch lag der Gesamtwert der Kombinationsposition am 09.09.2015 bei 6.783,21 Euro und damit 35,85 Prozent im Plus, während Volkswagen sei dem 01.07.2015 um 21,50 Prozent nachgegeben hatte.

Wer nun beispielsweise am 09.09.2015 seinen Volkswagen-Faktor-Straddle neugewichtete statt gänzlich auszusteigen, konnte zudem mit dem Absturz der VW-Notierungen das Paradies der Straddle-Investments erleben. Bis zum 24.09.2015 erreichte die Gesamtposition einen stolzen Gewinn von 171,67 Prozent gegenüber dem ursprünglichen Positionsstart vom 01.07.2015.
 

Ein turbulenter Tag allein genügt nicht

Das idealisierte Eingangsbeispiel hat einen weiteren wichtigen Aspekt beim Einsatz der Straddle-Strategie mit Faktor-Zertifikaten aufgezeigt. Am ersten Bewegungstag gab es dort keinen Gewinn der Gesamtposition (Long-Papier +10 Euro, Short-Papier -10 Euro). Der Basiseffekt greift erst ab dem zweiten Tag. Von einem eintägigen Kurssprung des Basiswerts hat man mit der Kombi-Strategie also nichts.

Unbedingt entscheidend ist eine Bewegung, die wenigstens einige Tage anhält und möglichst kontinuierlich verläuft. Es ist sogar lukrativer, wenn der Basiswert theoretisch ganz in Ruhe zehn Tage in Folge um jeweils 1,00 Prozent ansteigt, als ungefähr das gleiche Zielniveau an fünf hektischeren Tagen mit je 2,00 Prozent Gewinn zu erreichen. 

Wer zum Beispiel von kräftigen Börsenausschlägen nach einer Notenbanksitzung profitieren möchte und am Sitzungstag einsteigt, gewinnt zunächst nichts. Nur wenn die Notenbank mit ihrer Entscheidung einen nachhaltigen Trend auslöst, beginnen die Gewinne zu sprudeln. Für erfolgreiche Faktor-Long-Short-Kombinationen kommt es zwingend darauf an, dass sich eine Bewegung nachhaltig fortsetzt. Das gilt genauso bei einzelnen Aktien nach der Bekanntgabe wichtiger Geschäftszahlen. Der Kurssprung am Veröffentlichungstag muss in eine deutliche Trendbewegung münden, damit der Faktor-Long-Short-Investor wirklich etwas davon hat.

 

Fazit:

Die Wertentwicklung von Faktor-Zertifikaten ist durch den konstanten Hebel leicht nachvollziehbar. Ihre Stärken haben die Papiere in stabilen Trendphasen, Nachteile in volatilen Seitwärtsphasen. Unter den Hebelpapieren sind Faktor-Zertifikate eine vergleichsweise junge Kategorie. Die besondere Eigenschaft von Faktor-Zertifikaten ist der konstante Hebel. Bei einer Kursbewegung um vier Prozent im Basiswert, verändert sich ein Faktor-Zertifikat mit einem Hebel von fünf um 20 Prozent. Damit diese Hebelwirkung konstant bleibt, wenn sich der Basiswert bewegt, liegt jedem Basiswert ein Referenzindex zugrunde, der auch als Faktor-Index bezeichnet wird. Dieser Index bildet den Basiswert genau ab und ist quasi eine Umrechnungshilfe, um den konstanten Hebel zu kalkulieren. Denn die Wertveränderung des Faktor-Index wird jeden Tag durch Multiplikation des Hebels mit der prozentualen Veränderung des Basiswert-Kurses neu berechnet. Die prozentuale Veränderung des Basiswerts bezieht sich auf den Schlusskurs des Vortages, der also die Basis der Kalkulation ist. Dadurch entsteht ein Basiseffekt bei der Wertentwicklung der Faktor-Zertifikate, den Anleger in Trendphasen nutzen können (siehe Beispiele im Haupttext). Eine Knock-out-Barriere wie bei Turbos existiert nicht, dafür wird eine maximal zulässige negative (Bull / Long) bzw. (Bear / Short) prozentuale Kursänderung des Basiswerts für einen Tag definiert. Erreicht der Marktpreis des Basiswerts im Verlauf eines Handelstages diese Schwelle, so wird die Basis des Referenzindex sofort auf diesen Wert geändert (was sonst nur zum Schlusskurs eines Tages zur Anpassung des Index geschieht). Das entspricht im Prinzip einer sofortigen Verlustrealisierung und verhindert einen Totalverlust.
 

 

 

Benjamin Feingold

Benjamin Feingold gründete im vergangenen Jahr zusammen mit
Daniel Saurenz das Investmentportal »Feingold Research«, auf dem täglich neue Investmentideen vorgestellt werden. Nach dem Wirtschaftsstudium arbeitete Benjamin Feingold jahrelang in der Finanzanalyse und im Handel verschiedener Banken, bevor er 2000 als Finanzredakteur zu Börse Online und zur FTD kam, wo er für derivate Produkte zuständig war. Zu seinen zahlreichen Publikationen zählt auch das im Finanzbuchverlag erschienene Tradinghandbuch »Handeln mit Futures und Optionen – Ein Leitfaden für den Privatanleger«.


 
07.10.2022 18:18:55

 
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2 Kommentare

Oliver Jordanov

12. Oktober 2018 um 15:10 Uhr

Es ist interessant, wie rosig im Jahre 2015 die Faktor Zertifikate noch gesehen wurden. Dabei ist die Idee auch wirklich nicht schlecht und mit dem (scheinbar!) konstanten Hebel wurde ja auch ein großes Manko der schon ziemlich guten KO-Zertifikate ausgemerzt.

Doch die Pfadabhängigkeit macht im Grunde jedem Investor aus der Zielgruppe dieser Zertifikate wahrhaftig zu schaffen. Und auch in den obigen Ausführungen ist das Entdecken der Pfadabhängigkeit bereits in der Ferne erkennbar.

"...Nachteile in volatilen Seitwärtsphasen..."

http://jodano.de/geldanlage/hebelzertifikate/faktor-zertifikate-erklaerung-berechnung-risiken/

Vontobel Zertifikate

12. Oktober 2018 um 17:30 Uhr

Lieber Herr Jordanov,

vielen Dank für Ihren Beitrag.

Faktor-Zertifikate sind mittlerweile fest im deutschen Zertifikatemarkt etabliert und zählen zu einer der umsatzstärksten Produktgattungen. Dennoch gilt auch hier die Maxime, dass Anleger sich zuerst ausführlich informieren sollten und erst dann investieren. Daher finden Sie auch umfangreiche Ausführungen über das Phänomen der Pfadabhängigkeit und die negativen Auswirkungen in volatilen und richtungslosen Märkten in unseren Informationen. Erfahrene Anleger setzen Faktor-Zertifikate vor allem im kurzfristigen Handel und im Daytrading ein. Wer eine mittel- bis längerfristige Position eröffnen möchte, für denjenigen eignen sich Knock-Out Produkte sicherlich besser.

Freundliche Grüsse, ihr Vontobel Zertifikate-Team

 

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