Ein Börsenhändler meldet sich zu Wort – Teil 1: Daily Business

Ein Börsenhändler meldet sich zu Wort – Teil 1: Daily Business

Mittwoch, 24. April 2019 Autor Manuel TuleziLesezeit: 3 Minuten

In über insgesamt sieben Teilen wollen wir Ihnen hochwertiges Wissen rund um das spannende Thema Börsenhandel näherbringen. Dazu wird Manuel Tulezi, Händler für derivative Produkte bei der ICF Bank AG, befragt.

Wie wird man Börsenhändler?

Mein persönlicher Weg zur Börse habe ich nach meiner Ausbildung und meinem Studium mit einer Bewerbung bei der ICF BANK AG begonnen. Damals war mir noch nicht so recht klar, was mich erwarten wird. Um die Zulassung der Börse als sogenannter „Spezialist“ zu erhalten, musste ich einige Voraussetzungen erfüllen. Als neuer Händler absolvierte ich zuerst die Systemschulung der Handelssysteme der Deutsche Börse AG und im Anschluss die Börsenhändlerprüfung. Während der Prüfung werden verschiedene Themen anhand von Multiple Choice Aufgaben abgefragt. Nach Bestehen dieser Prüfung beginnt die sechsmonatige Probezeit als „Händlerassistent“ und danach erhält man die sogenannte „gelbe Karte“. Die „gelbe Karte“ ist einerseits die Zugangskarte zu dem „Großen Handelssaal“ der Börse Frankfurt, gleichzeitig legitimiert man sich durch diesen Ausweis als bevollmächtigter Händler des entsprechenden Handelsteilnehmers.

Wie arbeiten Börsenhändler mit den Banken bzw. Brokern zusammen?

Ich persönlich arbeite am Tradingdesk für strukturierte Produkte und bin dort für den Handel von Zertifikaten verschiedener Europäischer Banken zuständig – so auch für die Bank Vontobel Europe AG. Unsere Aufgabe ist vorrangig die Ausführung der Orders nach dem aktuellen Regelwerk, welches am Börsenplatz Frankfurt Gültigkeit hat. Darüber hinaus überprüfen wir die bei uns eingegangenen Aufträge der Broker auf Sinnhaftigkeit und Richtigkeit. Hierzu gehören zum Beispiel Orders, welche ohne Limit mit einem hohen Gegenwert eingestellt werden. Eine weitere wichtige Aufgabe ist die Betreuung unserer Kunden, eine ständige Überprüfung der Market Maker Quotes auf Konformität ist eine fortwährende Aufgabe, gleichzeitig ist die Kommunikation zwischen der Bank und Spezialisten zu nennen, dies ist eine wichtige Aufgabe, um den ordnungsgemäßen Börsenbetrieb jederzeit aufrecht zu erhalten.

Wie viele Wertpapierhandelshäuser - neben ICF - sind in Deutschland tätig?

Neben der ICF BANK AG und 172 weiteren Order-Flow-Providern, kurz OFP´s, sind derzeit noch neun andere Unternehmen als Spezialisten am Börsenplatz Frankfurt tätig. Hier unterscheiden wir zwischen sogenannten Spezialisten und OFP´s (Order Flow Provider). Unter Spezialisten werde solche Wertpapierhandelsbanken verstanden, die Skontren (Orderbücher) an der Börse Frankfurt betreuen. Damit sind sie für den reibungslosen Handel und die faire Preisbildung der einzelnen Wertpapiere zuständig. Order-Flow-Provider sind hingegen Banken und Broker, die einen eigenen Handelszugang zur Börse Frankfurt besitzen. Diese erteilen Orderaufträge für ihre Kunden, spielen diese in die Orderbücher ein und bilden damit die Grundlage für unser tägliches Arbeiten.

Was ist ein sogenanntes „Orderbuch“?

Das Orderbuch ist das wichtigste Instrument im Börsenhandel, bei dem Kauf- und Verkauforders mit verschiedenen Limiten aufeinandertreffen. Somit ist es uns Händlern gestattet, in unserer Preisfindung im Spread Kundenorders gegeneinander auszuführen.

Was bedeutet XETRA?

XETRA, (exchange electronic trading), ist ein vollelektronisches Handelssystem für alle an der Frankfurter Wertpapierbörse notierten Wertpapiere im Kassamarkt. Insbesondere muss in diesem Kontext XETRA I von XETRA II abgegrenzt werden. In XETRA I werden alle Kundengeschäfte voll elektronisch gegeneinander ausgeführt. Sollte es hier zu Engpässen kommen, kümmern sich meine Kollegen aus dem Bereich „Designated Sponsoring“ um Liquidität im offenen Orderbuch. Hierzu beauftragen Unternehmen Banken wie die ICF BANK AG, um einen geregelten Handel und ständige Liquidität in den eigenen Unternehmensanteilen zu gewährleisten.

Auf XETRA II werden alle Kassapapiere gehandelt, wozu unter anderem Schuldverschreibungen und strukturierte Produkte zählen. Auf dieser Handelsplattform agiere ich als Spezialist. Hier steuere ich als Händler noch direkt - hinter dem Orderbuch - die Abläufe. So werden die eigenen eingestellten und berechneten Kurse gehandelt und gegen das eigene Buch der Bank ausgeführt.

Wie viele Börsen gibt es in Deutschland und woran unterscheiden sie sich?

Derzeit existieren in Deutschland insgesamt acht Börsenplätze, zu denen auch die Börse Frankfurt zählt. Grundlegende Unterschiede gibt es unter ihnen nur in der Bandbreite des Angebots und der Handelszeiten. So werden aktuell strukturierte Produkte nur an drei Börsenplätzen (Frankfurt, Stuttgart und München) und Aktien an allen der acht Börsenplätzen gehandelt. Darüber hinaus haben die Börsen unterschiedliche Handelszeiten. So können Aktien in Frankfurt auf XETRA I von 9:00-17:30 Uhr gehandelt werden und auf dem Parkett von 8:00-20:00 Uhr.

Wer entscheidet über die Aufnahme, Aussetzung, Unterbrechung und Einstellung der Preisfeststellung in Wertpapieren?

Diese Punkte entscheidet die Geschäftsführung der Frankfurter Wertpapierbörse.

Wann darf der Handel ausgesetzt werden?

Die Geschäftsführung der Frankfurter Wertpapierbörse setzt Wertpapiere vom Handel aus, wenn der Börsenhandel zeitweilig gefährdet ist, oder wenn dies zum Schutze der Investoren geboten scheint. Sollte so zum Beispiel ein Unternehmen eine wichtige Meldung publizieren, wie eine Gewinnwarnung oder eine drohende Insolvenz, kann die Geschäftsführung der Börse Frankfurt den Handel in dieser Aktie aussetzen. Dies dient den Investoren dazu, die neuen Sachverhalte zu erörtern und eine neue Bewertung des Unternehmens zu erlangen. Darüber hinaus haben so alle Anleger die Chance, sich über die neuen Umstände zu informieren, um eine Symmetrie in der Informationsverarbeitung der Anleger zu erreichen.

Darf ein Börsenhändler auch privat handeln?

Unsere private Handelsaktivität unterliegt den aktuellen Compliancevorschriften und ist an weitere interne Regularien geknüpft. Da wir durch unsere Tätigkeit als Spezialist Einblick in die von uns betreuten Orderbücher haben, dürfen wir natürlich keine Geschäfte in diesen Gattungen tätigen. Um die Umsetzung dieser Vorschriften sicherstellen zu können, wird mein Arbeitgeber über alle Transaktionen meines Depots unterrichtet. So wird sichergestellt, dass niemand Insiderinformationen oder Ähnliches für sich nutzt.

 

26.10.2021 07:14:16

 
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