»Das ›Web der Dinge‹ wird bald so wichtig sein wie die heutige Energieversorgung«

Donnerstag, 10. April 2014Lesezeit: 3 Minuten

mehrwert: Das »Web der Dinge« ist vielen neu. Was ist das Konzept?

Es handelt sich um eine neue Internetwelle: Man tritt aus der virtuellen Welt heraus, um zurück in die Realität zu gelangen. Ursprünglich diente das Netz dem Datenaustausch. Aspekte wie Zuverlässigkeit, Sicherheit oder zeitliche Intervalle hatten kaum Bedeutung. Künftig werden zeitlich aufeinander abgestimmte, bedürfnisorientierte Applikationen dominieren. Für Private und Wirtschaftsakteure wird das Web so wichtig wie die heutige Energieversorgung. Es wird die Kommunikationsbasis von Einheiten und Maschinen mit und ohne menschliche Interaktion werden. Der Wissensvorteil wird den zeitlichen Vorsprung ersetzen.

 

mehrwert: Was sind die Grundvoraussetzungen für eine vollständige industrielle Nutzung?

Das sind neue Web-Technologien sowie ein »Netz der Zukunft«. Letzteres sollte nachhaltig, schnell und »grün«, der Zugang jederzeit von überall aus gegeben sowie mobil und nahtlos sein – bei zentral ausgerichtetem Applikationsnetzwerk. Eine weitere Voraussetzung ist die höhere Datenqualität, die sich über die Abwicklung größerer Datenmengen und vieler weiterer integrierter Einheiten erreichen lässt. Wichtig sind auch Aspekte wie Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit. In einem industriellen Ökosystem können Maschinen zudem voneinander »lernen«.

 

mehrwert: Der Alltag soll leichter werden. Welche Bereiche sind betroffen?

Zum Beispiel das Wohnen. »Intelligente Räume« verstehen ihren Bewohner und passen sich situativ an. Ganz überzeugt mich der Bereich jedoch nicht, denn der Mensch wird immer über sich selbst bestimmen wollen. Intelligente Dinge sollen ihn unterstützen, dabei aber nicht die Kontrolle übernehmen. Im Bereich des Sportes sind tragbare Sensoren – »Wearables« – beliebt. Die Entwicklung dürfte vor allem hinsichtlich entscheidungsbasierter Daten weiter an Bedeutung gewinnen. Wie lebt man gesund? Wie viel Fleisch hat man gegessen und wie viele regionale Nahrungsmittel gekauft? Alle für den User relevanten Punkte können miteinander verbunden werden. Selbst ein »Revival« des Internetkühlschrankes ist so in greifbare Nähe gerückt. Der nächste große Sektor, der profitieren könnte, ist das Gesundheitswesen.

 

mehrwert: Wie kam es zur Entwicklung des »Web of Things«?

Das »Internet der Dinge« ist eher ein Paradigma als eine Technologie. Die Wurzeln sind unterschiedlichen Ursprunges: Mittels Funketiketten und Barcodes hatte man zunächst Daten in Produktionsprozessen miteinander verknüpft. Mittlerweile hat die Technik dank des Smartphones die Konsumenten erreicht. So fanden Konzepte des Online-Handels den umgekehrten Weg ins physische Regal. Wissenschaftler haben gleichzeitig nach neuen Interaktionsformen zwischen Mensch und Computer gesucht, beispielsweise über Sprache oder Gestik. Nicht zu vergessen sind die bereits erwähnten »Wearables«, die der Verbesserung menschlicher Sinne und Fähigkeiten dienen. Eine andere Entwicklung war das Mobiltelefon, das als zentrale Informationsstelle heutzutage Standard ist. Beim »Internet der Dinge« geht es nicht mehr um den einzelnen Akteur, sondern um den Fokus auf Kernkompetenzen innerhalb eines erfolgreichen Bündnisses aus Elementen.

 

mehrwert: Wie hat sich die Technologie auf wirtschaftliche Aktivitäten ausgewirkt?

Die Konnektivität von Maschinen und physischen Objekten ist für die Industrie an sich nichts Neues. Sensoren werden schon seit Jahrzehnten genutzt, um Maschinenleistungen zu verbessern. Neu ist allerdings, dass die Bereiche IT, Data und Software Mehrwert geschaffen und so den traditionellen Gewerbebetrieb zum Wandel bewegt haben. Wenn wir einmal auf die letzten Übernahmen blicken, stellen wir fest, dass viele Milliarden Dollar für vielversprechende Start-Up-Firmen ausgegeben wurden – Unternehmen, die Software-Produkte mit hohen Nutzerzahlen auf den Markt gebracht hatten. Ein Zukunftsszenario, dass das »Web of Things« helfen kann, eine digitale Unternehmensplattform zu etablieren, welche die virtuelle und physische Welt eins werden lässt. Neben dem Gesundheitswesen könnten zudem die Anwendungsfelder Industrie (Automobil/Kundenservices, Stahl), Infrastruktur (Bahnverkehr, Bau, Versorger) und Energie profitieren.

 

mehrwert: Was ist der gemeinsame Nenner?

Die Automatisierung. Ich bin überzeugt, dass sie weiterhin Einzug in unseren Alltag halten wird. Sobald das selbstfahrende Auto da ist, wird das physische Eigentum sowie der Zugang zu mobilen Dienstleistungen unser gesellschaftliches Leben gewaltig beeinflussen. Es wird eine Verlagerung des Wertes physischer Güter auf den Zugang zu entsprechenden Services geben.

 

mehrwert: In welche Richtung könnte sich die Technologie noch entwickeln?

Die physische Verkleinerung, eine anhaltende Preissenkung sowie die Kompatibilität werden an Bedeutung gewinnen. So werden Geräte künftig nicht mehr nur hinsichtlich physischer Charakteristika – Auflösung oder App-Services bei Smartphones – beurteilt, sondern auch nach ihrer Leistung innerhalb eines Konglomerates. Einsetzbare »Einwegsensoren« dürften immer erschwinglicher werden. Gleichzeitig wird die Überwachung menschlicher und maschineller Aktivitäten zur besseren Vorhersage und Planung weiter verfeinert.

Dr. Florian Michahelles

Head of Research Group

Web of Things, Siemens Corporation Kalifornien, USA

Florian Michahelles erforscht und analysiert die Verwendung von Web-Technologien hinsichtlich der Verbindung von Maschinen mit digitalen Diensten. Mithilfe dieser Technologien können sich Maschinen selbst beschreiben sowie eigenständig und miteinander auf ein gemeinsames Ziel hin kooperieren. An der ETH Zürich, eine der weltweit führenden technisch-naturwissenschaftlichen Hochschulen, lehrte und forschte Michahelles zuvor im Bereich der Verknüpfungen digitaler Dienste mit Konsumentenprodukten. Zudem ist der anerkannte Forscher Mitbegründer der 42matters AG, welche sich mit der sozialen Suche mobiler Anwendungen beschäftigt.

02.03.2021 00:41:12

 
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